Heimkehr ins Vergangene

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Helmut Haberkamm, Jahrgang 1961, ist fränkischer Autor und veröffentlichte mit „Das Kaffeehaus im Aischgrund“ im August seinen ersten Roman. Die Jury des Forums Kultur des Vereins „Europäische Metropolregion Nürnberg“ kürte Helmut Haberkamm zur gleichen Zeit zum Künstler des Monats. Der Schriftsteller wuchs in Dachsbach auf und feierte bereits mit seinem 1992 erschienenen Debüt-Gedichtband „Frankn lichd nedd am Meer“ Erfolge.

Ihr Buch „Das Kaffeehaus im Aischgrund“ ist auf Ihren Wunsch hin in alter Rechtschreibung erschienen. Was sind die Gründe dafür?

Die sogenannte Rechtschreibreform hat kaum etwas verbessert, aber alle verwirrt. Vieles ist überflüssig. Notwendigkeit, Sinn und Nutzen der Änderungen sind fragwürdig. Ich liebe einfach das „h“ in Rauhreif, das scharfe ß. Die drei Konsonanten im „Schritttempo“ brauche ich nicht. Und zu einer Geschichte, die aus der Vergangenheit zu uns spricht, sollten Sprache und Schrift einfach passen, finde ich.

Der Grundstock des Buches ist Ihre eigene Biografie. Wie hat sich das schließlich zur Erzählung entwickelt?

Meine eigene Biografie ist eigentlich weniger wichtig. Meine Großmutter aber hat mir sehr viel erzählt, u.a. auch von ihrem Großvater. Von daher stammen Figuren und Grundzüge des Romans. Ausgangspunkt war eine Erzählung von 15 Seiten, die ich vor mehr als 20 Jahren schrieb, die jedoch unveröffentlicht blieb. Daraus erwuchsen langwierige Recherchen und Vorstufen, die dann schließlich den Roman ergaben. Ein langer Weg also zur Heimkehr ins Vergangene.

Die Geschichte spielt zum größten Teil im 19. Jahrhundert. In der Erzählung geht es auch darum, Vergangenes zu bewahren. Was reizte Sie persönlich an dieser Epoche?

Der Blick in die Vergangenheit schärft die Sicht auf unsere Gegenwart. Man erkennt die Vorzüge und Defizite der eigenen Zeit besser, wenn man zurückschaut und sich das Entscheidende vergegenwärtigt. Jeder von uns besteht ja zum Großteil aus Vergangenheit, aus Erbe, Herkunft, Prägung, Erfahrung. Der Blick ins 19. Jahrhundert kann das Wertvolle erkennen helfen, bewahren, beschwören, entwerfen.

Zu Beginn des Buchs fragt sich Protagonist Michael Wegmann: „Warum nur hing sein Herz mit solcher Heftigkeit an diesem Erdflecken?“. Was verbinden Sie selbst mit Ihrer fränkischen Heimat?

Das Herkommen. Insofern wurde dies für mich zum Herkömmlichen schlechthin, zum Allervertrautesten. Zum Mikrokosmos, zum Muster für die Welt im Großen. Das betrifft die Menschen mit ihren Haltungen und Äußerungen ebenso wie die Landschaft und die Sprache. Es ist nicht die großartigste Gegend der Welt, aber auch nicht die unangenehmste. Es ist schlicht und ergreifend: meine –  und somit die Grundlage für all mein Wahrnehmen, Dichten und Trachten.

Das Leben der Dorfbewohner, der Bauern im 19. Jahrhundert wird als hart und armselig beschrieben, die Menschen mussten schuften, um überleben zu können. Für eine glückliche Kindheit war da oft kein Platz. Wie haben Sie Ihre eigene Kindheit erlebt?

Ich wuchs in den 1960er und 70er Jahren auf einem Bauernhof auf, in einem Dorf im Aischgrund, in Dachsbach. Es war eine ruhige, verlässliche Welt. Meine Muttersprache war der Dialekt, der Alltag war geprägt von der Familie und landwirtschaftlicher Arbeit, den Gegebenheiten der Jahreszeiten, mit viel Kontakt zu Tieren und Menschen, zur Natur. Das prägt mich zeitlebens. Im Rückblick sehe ich meine Kindheit als großes Geschenk, als unerschöpflichen Urquell vielsagender Geschichten.

Welche Ereignisse aus der Kindheit prägen Sie bis heute?

Das bäuerliche Arbeitsleben mit seinen Tugenden wie Fleiß, Ausdauer und Selbstdisziplin. Die dörflichen Wertvorstellungen von Sparsamkeit, Genügsamkeit und Gemeinschaftssinn. Die durch Familie, Kirche, Fußballverein und Landjugend vermittelte Erfahrung von Urvertrauen, Bodenständigkeit und Zusammengehörigkeit. All dies wirkt stark nach und gibt Kraft.

Heimat ist ein zentraler Begriff und konkreter Ort in der Geschichte. Was bedeutet Heimat für Sie?

Teilweise ist Heimat für mich ein Ort, eine Landschaft mit ihren Bauwerken und Eigenheiten. Aber auch die Menschen in dieser Gegend gehören dazu, ob Familie, Freunde oder Zugezogene und „Reigschmeckte“. Das für mich Allerwichtigste ist aber die Sprache, die Mundart als unverkennbare Ausdrucksform einer Region, als Quelle des Schöpferischen und Verbindenden.

Michael Wegmann geht im Roman mit 17 zu Hause fort und zieht in die große weite Welt hinaus, nach Amerika. Hatten Sie je den Wunsch, der Heimat den Rücken zu kehren und woanders hinzugehen?

Als ich 17 war, vor dem Abitur in Neustadt/Aisch, da wollte ich unbedingt weg von Zuhause, hinaus in die Welt. Das hab ich dann auch gemacht, mit langen, weiten Reisen, dem Studium in Großbritannien, der Begegnung mit großartigen Menschen in anderen Ländern. Die Welt hat mir dann aber auch die Augen geöffnet für das Wesentliche und Wertvolle bei uns, für das Fehlende und Falsche. Seitdem kenne ich meine Aufgabe: Widme dich deiner Herkunftsregion, aber verlier´ dabei die Welt nicht aus den Augen.

Es finden sich viele kleine Anekdoten und Geschichten, die einzelne Schicksale beschreiben. Inwieweit sind das wahre Begebenheiten, inwieweit Fiktion und Dichtung?

Was ist wahr? Was ist wirklich geschehen? Selbst die großen Wissenschaftler wissen es nicht. Wir haben keine Ahnung, wie viele Wirklichkeiten es gibt, wie sie zusammenwirken mit unserer Realität. Dokumente und Geschichtsbücher stecken voller Halb- und Unwahrheiten. In der Literatur geht es eher darum, was gewesen sein könnte, und was es uns heute zu sagen hat. Der Roman will insofern auch ein Franken beschreiben, das es gegeben haben sollte, das unsere Region weiterentwickeln hätte können. So sieht man auch, was heute zu wünschen übrig lässt und vermisst wird.

Der Roman ist ebenfalls gespickt mit Sprichwörtern und Redewendungen. Woher stammen diese?

Vieles kommt aus der Mundart, wurde aufgeschnappt und zusammengelesen. Mein Ziel ist es, diese Gegend mit der zugehörigen Sprache einzufangen und aufzuheben, sie mit geistig-sprachlichen Mitteln zu veredeln. Ohne den Dialekt, eine stimmige Erzählweise und Geisteshaltung geht das nicht. Deshalb drückt sich all dies im Roman in einer unverkennbar fränkisch anmutenden Sprache eben auch so aus.

Das Kaffeehaus ist ein Treffpunkt für viele verschiedene Menschen unterschiedlichen Standes. Dabei herrscht ein friedvolles Miteinander. Wo gibt es das Ihrer Meinung nach heute?

Das gibt es wohl nur punktuell, vorübergehend, wie das Glück überhaupt. Aber ich weiß, wo es einen solch geglückten Ort geben könnte – und geben sollte: bei uns, in Franken, z.B. im Aischgrund. Insofern kann der Blick zurück ein Spiegel sein, der uns eine mögliche Zukunft aufzeigt: Schaffen wir einen Ort der offenen, selbstbewussten und geistreichen Kultur! Zerstörerische Kräfte lassen nicht lange auf sich warten.

Sie haben mit “Edzerdla” das erste fränkische Mundart-Festival initiiert. Überhaupt ist der fränkische Dialekt ein Grundpfeiler Ihres Schaffens. Was verbinden Sie mit dem Fränkischen, was macht es für Sie so reizvoll?

Der fränkische Dialekt des Aischgrunds, wie ich ihn als Muttersprache kennen und schätzen gelernt habe, ist sehr melodisch, klangvoll und treffsicher. Er besitzt viele reizvolle, bildhafte, emotionale Ausdrücke. Damit transportiert er eine ganze Welt an Geschichten und landläufigen Erfahrungen. Er ist die menschliche Entsprechung dieser Landschaft. Das sogenannte Hochdeutsche ist dagegen neutral, funktional, eher unemotional und räumlich austauschbar. Oft auch abgenutzt und verseucht mit den Phrasen aus Politik, Medien und Kommerz.

Haben Sie ein fränkisches „Lieblingswort“ oder eine liebste fränkische Redewendung?

Da gibt’s „a ganza Haufen“! Ich denke sofort an so schöne Wörter wie „Uumuß“ (als das Gegenteil von Muße, Ruhe) oder „Uudäderla“ (als kleine Untat, d.h. Beschädigung). Oder an „Grawitschgo“ und „Bolandi“, an „Glaasdn“, „Weechsaacherla“ und „Botzelkieh“. Oder an „ficherland“, „kobberneggisch“ und „sierisch“. So wunderbare Wendungen wie „ka Gschnufri geem“ oder „Lusum hoom“, „weecher dem werd ka Pfarrer narrerd“ oder „rumrumbln wie der Schieß in der Reidern“. Ach, Lieblingswörter gibt’s so viele, und „all Dooch a annersch“.

Text: Hanna Schlüter; Foto: Andreas Riedel

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