Regel- oder Förderschule? Das sagen Eltern und Schüler des Förderzentrums in Ansbach

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Schon bei der Geburt ihrer Zwillinge erfuhr Bettina Ortner-Laczi, dass es “Probleme geben” werde. Trotzdem besuchten ihre Tochter und ihr Sohn einen Regelkindergarten. In der Schule trennten sich die Wege. Während ihre Tochter in eine normale Grundschule geht, kam der heute neun Jahre alte Leon auf die Johann-Heinrich-Pestalozzi-Schule der Diakonie Neuendettelsau in Ansbach.

Leon geht in die zweite Klasse, ist aber schon im dritten Schuljahr, denn im Sonderpädagogischen Förderzentrum haben die Kinder drei Jahre Zeit für das Programm der beiden ersten Klassenstufen. Bettina Ortner-Laczis Tochter beneidet Leon sogar manchmal und findet es schade, dass nicht jedes Kind die Chance hat, so zu lernen. Für Mutter Bettina Ortner-Laczi war die Entscheidung für die Johann-Heinrich-Pestalozzi-Schule nie ein Problem: “In den fast drei Jahren habe ich noch nie gehört, dass Leon nicht in die Schule gehen will.” Er mache seine Hausaufgaben und könne den Stoff bewältigen. “Rechnen finde ich cool – da bin ich gut”, meint Leon selbst.

Sabine und Thomas Birkmeier schätzen es, dass an der Johann-Heinrich-Pestalozzi-Schule keine Pauschalaufgaben gestellt werden, sondern das Pensum individuell angepasst wird. Mit Hilfe von spielerischen Elementen nähern sich die Kinder Inhalten wie dem Multiplizieren. Höchstens 14 Schüler hat ein Lehrer in den Diagnose- und Förderklassen zu betreuen, ab der dritten Klasse sind es maximal 17. Fünf Kinder haben die Birkmeiers; die meisten von ihnen waren oder sind schulisch sehr erfolgreich. Bei ihrem Sohn Kilian zeigte sich in der Regelschule, dass er dem Lerntempo dort nicht gewachsen war. Frust und mangelndes Selbstbewusstsein stellten sich ein. Wenn Kinder die Standard-Erwartungen an der Regelschule nicht erfüllen können, seien die Eltern oft selbst mit den Nerven am Ende, ist die Erfahrung der Birkmeiers.

“Lernen mit Herz, Hirn und Hand”

Ein Test ergab, dass die Johann-Heinrich-Pestalozzischule der richtige Ort für ihn sein könnte. Um Pfingsten des vergangenen Jahres herum fiel die Entscheidung und zum neuen Schuljahr folgte der Wechsel. “Kilian hat sich gut entwickelt und integriert”, finden Sabine und Thomas Birkmeier. Aus der Schule, in der sein Selbstbewusstsein neu aufgebaut wurde, erzähle er viel und durch die zahlreichen Wiederholungen präge er sich den Lernstoff in seiner eigenen Geschwindigkeit ein.

Heute singt und tanzt er gern. “Das hätte er früher nie gemacht”, sagt Sabine Birkmeier. “Ich bin glücklich, dass wir den Schritt getan haben. Wenn bei einem Kind Förderbedarf festgestellt wird, sollten die Eltern sich keine Gedanken machen, ob sie etwas falsch gemacht haben. Jedes Kind ist einzigartig und manche Kinder brauchen ein bisschen mehr Starthilfe als andere. Obwohl unsere anderen Kinder alle den normalen Schulweg gegangen sind, hatten wir doch anfangs Zweifel, ob wir bei Kilian etwas verpasst haben. Aber dank der Beratung und Begleitung durch das Team des Förderzentrums waren unsere Zweifel schnell beseitigt.”

Schulleiterin Ulrike Hahn hat es schon oft erlebt, dass Kinder frustriert von der Regelschule kommen: “Bei uns erleben sie sich wieder als jemanden, der was kann, der was schafft, der anderen helfen kann.” Dafür bringen die Schüler ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen mit. „Wir fangen handelnd an – wir tun es. Lernen mit Herz, Hirn und Hand”, lautet die Devise, denn “nur über das Tun können wir verstehen”. Der enge Kontakt zwischen Lehrern und Eltern ist Ulrike Hahn wichtig. In langen Gesprächen ohne Zeitdruck werden gemeinsam die Ziele in Bereichen wie Sprache oder Selbstbewusstsein festgelegt, auf die dann auch zu Hause das Augenmerk gelegt werde. “Jedes Kind hat einen individuellen Förderplan für sich.”

Thomas Birkmeier, Irene Eisemann, Sabine Birkmeier, Bettina Ortner-Laczi und Anke Ströhm haben sich die Entscheidung für das Sonderpädagogische Förderzentrum als Schule für ihre Kinder nicht leicht gemacht. Schulleiterin Ulrike Hahn (rechts) berät sie mit ihrem Team. Foto: Diakonie Neuendettelsau/Thomas Schaller

Thomas Birkmeier, Irene Eisemann, Sabine Birkmeier, Bettina Ortner-Laczi und Anke Ströhm haben sich die Entscheidung für das Sonderpädagogische Förderzentrum als Schule für ihre Kinder nicht leicht gemacht. Schulleiterin Ulrike Hahn (rechts) berät sie mit ihrem Team. Foto: Diakonie Neuendettelsau/Thomas Schaller

“Es ging nicht vorwärts”

Bei Benjamin, dem Sohn von Irene Eisemann, wurden schon bei der Frühförderung Defizite festgestellt. Trotzdem besuchte er zunächst auf der Regelschule. “An Weihnachten haben wir gemerkt, dass es nicht vorwärts geht.” Benjamin erzählte, dass der Lehrer herumbrülle und Strafarbeiten verteile. Ein Gespräch mit dem Lehrer habe keine Verbesserung gebracht. Das Gegenteil sei der Fall gewesen: Vor Ostern seien Benjamins Leistungen rapide abgefallen. Die täglichen Hausaufgaben seien zu einer über drei Stunden langen Quälerei geworden. Irene Eisemann telefonierte mit Ulrike Hahn, um einen Test zu vereinbaren. Zum Schuljahreswechsel folgte Benjamins Wechsel auf die Pestalozzi-Schule, die nun auch von seiner kleinen Schwester Marie besucht wird – allerdings diesmal ohne den Umweg über die Grundschule. “Sie arbeitet schnell und zuverlässig. Marie hat den kompletten Grundstock, den Benjamin nicht hatte”, berichtet Irene Eisemann.

Was tut dem Kind gut?

Anke Ströhm hat drei Kinder. Ihr Sohn Lukas (20) hat inzwischen eine Ausbildung angefangen. Im Alter von dreieinhalb Jahren hatte er begonnen, zu epileptischen Anfällen zu neigen. Da er ansonsten unauffällig war, kam er ganz normal in die Schule und in der ersten Klasse gut zurecht. Doch schon in der zweiten Klasse habe er große Defizite gehabt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit habe er bei Stress Nasenbluten bekommen. Der Kinderarzt war es dann, der Anke Ströhm riet, sich an das Förderzentrum zu wenden. Mit Schulleiterin Ulrike Hahn klärte sie die erforderlichen Schritte ab und ließ Lukas testen. “Wiederholen oder wechseln?” lautete die Frage. Die Antwort ergab sich aus einer weiteren Frage: “Was tut dem Kind gut?”

Vor den Ferien kam Lukas zum Schnuppern an die Pestalozzi-Schule. Dort gefiel ihm, dass beim Morgenkreis alle am Boden sitzen. “An der Grundschule war es nicht leicht für ihn”, meint seine Mutter. “Er hatte immer das Gefühl, sich wehren zu müssen. Als er hier gemerkt hat, dass er das gar nicht braucht, ging es ihm gut und er konnte schließlich auch seinen Abschluss machen.” Heute ist er nicht nur mitten in der Ausbildung zum Schreiner, sondern hat auch seinen Führerschein gemacht. “Nach der Schule hat nie einer gefragt, ob er seinen Abschluss an einem Förderzentrum gemacht hat”, berichtet Anke Ströhm weiter. Sein jüngerer Bruder Kevin wurde nach der Schuleingangsuntersuchung gleich an der Pestalozzi-Schule eingeschult.

Schwester Nina startete hingegen erfolgreich an der Grundschule, entwickelte aber gegen Ende der zweiten Klasse eine Epilepsie. Zwar konnte die Krankheit medikamentös eingestellt werden, aber es gab einen Leistungsabfall und das Mädchen resignierte. “Warum soll ich lernen? Es wird doch eh wieder ein Sechser”, habe sie geklagt. Nach einem Test ist sie nun seit den Osterferien am Förderzentrum. “Es geht einem ja auch selbst schlecht, wenn es dem Kind schlecht geht”, erklärt Mutter Anke Ströhm.

Sabine und Thomas Birkmeier finden es wichtig, dass man sich bei der Entscheidung nicht von außen reinreden lasse. “Es ist völliger Blödsinn, dass hier nur die sind, die durchs Netz fallen.” Im Zweifel müsse man den sozialen Druck aushalten, wenn ein solcher “Quatsch erzählt” werde.

Trotzdem kann der Wechsel Probleme mit sich bringen. Irene Eisemann berichtet, ihr Sohn habe seine Freunde, die weiter auf der Regelschule waren, kaum noch gesehen. Sie lud schließlich alle zum Grillen im Garten ein. Benjamin habe heute noch guten Kontakt zu seinen früheren Schulkameraden. Auch Anke Ströhm meint, dass es mit an den Eltern liege, ob die Kinder in Kontakt bleiben.

Tipps für betroffene Eltern

Schulleiterin Ulrike Hahn weiß von ihren Erfahrungen im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst, dass in vielen Fällen Verwandte “reinredeten”. Ausländische Eltern kannten nach ihren Worten häufig das System Förderschule gar nicht. Manche Kindergärten und Schulen würden Informationen und Termine nicht weitergeben. Wenn sich bei einem Kind ein Förderbedarf abzeichnet, rät sie dazu, sich bei einer Besichtigung ein eigenes Bild von der Johann-Heinrich-Pestalozzischule zu machen, das Kind testen zu lassen und ein unverbindliches Gespräch zu suchen. Auf dieser Grundlage kann dann eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden. “Eltern spüren im Herzen, was gut für ihr Kind ist”, ist Ulrike Hahn überzeugt. Sie sollten Kinder nicht “auf Biegen und Brechen” in der Regelschule lassen und sich auch nicht von sozialem Druck beeinflussen lassen.

“Wir beraten nur, die Eltern entscheiden”, sagt Hahn weiter. “Das Kind zerreißt es, wenn die Eltern nicht hinter der Entscheidung stehen.” Hilfreich könne es sein, mit anderen Eltern zu sprechen, die ein Kind am Förderzentrum haben. Mutter Anke Ströhm versucht bewusst, ihre Erfahrungen weiterzugeben, denn in der Zeit der Entscheidung sei es ihr selbst wichtig gewesen, eine Gesprächspartnerin zu haben: “Eltern glauben anderen Eltern mehr als Lehrern.”

Im Beitragsbild sind Marie Eisemann, Leon Laczi und Kilian Birkmeier zu sehen.

Text und Fotos: Diakonie Neuendettelsau; redaktionelle Bearbeitung: hw

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